Bei dieser 35. Ausgabe der La Charly Gaul kam es zu einem sehr umstrittenen Duell zwischen Vince Mattens und Michael Apers um den Sieg über die lange Distanz. Ersterer hatte seinen Sprint schon sehr früh gestartet und lag kurz vor der Ziellinie komfortabel an der Spitze der ersten Gruppe. Aber Apers holte von hinten stark auf und kam im letzten Moment aus dem Windschatten von Mattens, um ihn auf der Ziellinie zu überholen. Während Mattens zunächst durch das elektronische Zeitmesssystem zum Sieger erklärt worden war und somit bei der Siegerehrung die Blumen erhielt, ließen die nachträgliche Auswertung der Fotos und Videoaufnahmen Zweifel an dieser Entscheidung aufkommen, und wir beschlossen ... nichts zu beschliessen zwischen den Beiden. Es war tatsächlich unmöglich, zwischen den beiden Stammgästen der La Charly Gaul einen Sieger zu befinden, so dass sie jetzte in den Geschichtsbüchern ex aequo als Gewinner geführt werden. Dies ist keine Premiere: 2005 hatte Johan Villiger den Sieg zwei Kilometer vor dem Ziel in der Tasche, bevor er sich verfuhr und die Ziellinie kurz nach Ben Gastauer überquerte. Angesichts des Vorsprungs, den Villiger zum Zeitpunkt des Vorfalls hatte, entschied die Jury damals, beide als Sieger zu erklären. Auf der kurzen Strecke fiel die Entscheidung auch in diesem Jahr im Sprint, aber ohne Polemik, denn zum zweiten Mal in Folge war der Belgier Cyril Gustin mit Abstand der Schnellste einer kleinen Gruppe im Ziel. Auch bei den Damen gab es keine Diskussion, denn Deborah Veerman und Tanja De Rond haben ihr jeweiliges Rennen mit mehreren Minuten Vorsprung gewonnen.
Auch wenn das Wetter an diesem ersten Sonntag im September in Echternach wieder sehr schön war, mit strahlendem Sonnenschein und Temperaturen, die etwas zu hoch waren, um sich ganz wohl zu fühlen, war dies doch nicht mit der Hitzewelle des Vorjahres zu vergleichen. Die Wetterlage war also fast perfekt und lockte 1.302 Fahrer auf den Marktplatz in Echternach, was für diese 35. Ausgabe das zweitbeste Ergebnis in der Geschichte der Charly Gaul darstelt, nach dem Jahr 2017 (1.360 Teilnehmer). 654 Konkurrenten gingen auf der langen Strecke an den Start und 648 auf der kürzeren Strecke, was quasi einem Verhältnis von 50:50 entspricht, während in den letzten Jahren die Fahrer der langen Strecke doch etwas deutlicher in der Überzahl waren. Eine sehr gute Nachricht ist, dass dieses Jahr 100 Frauen am Start waren, mehr als je zuvor, zumal dieser Rekord auf der langen Strecke (37 Starterinnen gegenüber 30 im Jahr 2023) seinen Ursprung hat.
Zum dritten Mal in Folge erreichte der Sieger der La Charly Gaul eine Durchschnittsgeschwindigkeit von um die 40 km/h auf der über 150 Kilometer langen Strecke, die man schon als bergig bezeichnen kann. Es ist offensichtlich, dass der Schnitt im Rennen in den letzten Jahren stetig gestiegen ist: Lag die Geschwindigkeit des Siegers vor den Covid-Jahren eher zwischen 35 und 38 km/h, so ist sie seit dem Ende der Epidemie nie unter 39 km/h gefallen (Rekord aus dem Jahr 2023 von Loïc Bettendorff mit 40,4 km/h). Das Gleiche gilt für die kleine Strecke, auf der Cyril Gustin in diesem Jahr die viel weniger anspruchsvolle Strecke mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von über 41 km/h zurück gelegt hat. Die Anwesenheit zahlreicher lizenzierter Fahrer hat sicherlich zu dieser Statisitik beigetragen. Früher gehörten die wenigen bekannten Namen am Start eher zu ehemaligen Profis wie seinerzeit Claudio Chiappuchi oder auch Kim Andersen. Heute sind es immer mehr aktive Fahrer, die angesichts des allgemeinen Mangels an Wettkämpfen im Land die Rundfahrt zur Vorbereitung auf die nächsten Termine nutzen. Beweis dafür ist die Teilnahme von fast der kompletten Nationalmannschaft, die vor einigen Wochen an der Tour de l'Avenir teilgenommen haben, darunter auch Etappensieger Mathieu Kockelmanm, um sich auf den Start in gut einer Woche bei der Tour de Luxembourg vorzubereiten. Im vergangenen Jahr hatte Christine Majerus einen bemerkenswerten Auftritt, zwölf Monate zuvor hatte sich Superstar Arnaud De Lie völlig anonym in die Startlisten eingetragen, bevor er bei der Startaufstellung erkannt wurde. Auch wenn diese Rennfahrer selten den Sieg anstreben, so wollen sie doch ein intensives Training absolvieren, oft mit einer offensiven Fahrweise, die dazu führt, dass die La Charly Gaul immer mehr zu einem echten Rennen mit sehr hohen Durchschnittsgeschwindigkeiten wird.
LA CHARLY GAUL A (145 km)
Nicht von ungefähr setzte sich der amtierende Luxemburger Querfeldein-Meister Loîc Bettendorff glich nach dem Start an die Spitze und konnte einen Vorsprung vor hundert Metern auf das Feld herausfahren, das von Mathieu Kockelmann, Noé Ury und Mats Berns angeführt wurde, wobei insbesondere auch Pol Breser, Mil Morang und Vince Mattens auf den ersten Plätzen lagen. Zwei ehemalige Gewinner der La Charly Gaul, Ivan Centrone und Michael Apers, fuhren weiter hinter in der Gruppe, ebenso wie Anthony Spysschaert und, noch weiter zurück, Raphaël Kockelmann. Sie alle mussten anschließend viel Energie aufwenden, um wieder nach vorne zu kommen. Bei der Abfahrt ins Sauer-Tal vergrösserte Bettendorff seinen Vorsprung bis auf 30 Sekunden und hielt sich so etwa 30 Kilometer lang allein an der Spitze, bevor er kurz vor der zweiten Schwierigkeit des Tages, der Côte de Gralingen, eingeholt wurde. Nach 50 Kilometern, am Anstieg von Schlindermanderscheid, hatten sich 9 Fahrer an die Spitze des Rennens gesetzt, darunter die Luxemburger Loïc Bettendorff, Mathieu Kockelmann, Mats Berns und Mil Morang. Der Vorsprung auf die Verfolger war minimal, und bald konnte Noé Ury zu den Spitzenreitern aufschliessen, etwas später gefolgt von weiteren Konkurrenten.
Am Anstieg von Broderbour führte Vince Mattens also eine relativ große Gruppe von etwa dreißig Fahrern an, vor Morang und Berns, eine Gruppe, die sich bald in mehrere Teile aufteilen sollte. Während Mathieu Kockelmann sich zurückfallen liess, um das Rennen gemeinsam mit seinem Bruder Raphaël zu beenden, setzten sich acht Fahrer an die Spitze des Rennens. Dazu gehörten Loïc Bettendorff, der mehrfache luxemburgische Meister von Hrinkow Advarics, Mats Berns, Mitglied des VCU Schwenheim im Elsass und der Nationalmannschaft der Nachwuchsfahrer, der ehemalige luxemburgische Juniorenmeister Mil Morang, Michael Apers, Sieger der La Charly Gaul im Jahr 2019, Lilian Tetart, Sieger eines Elite-Rennens in Einvaux in Meurthe-et-Moselle in diesem Jahr, der Dritte der belgischen Meisterschaften der Elite ohne Vertrag im Zeitfahren, Sten Van Gucht, der niederländische Fahrer Tijn Voerman und Vince Mattens, Zweiter des Gran Fondo des Vosges in diesem Jahr. Auf Initiative von Mattens gerieten Apers, Tetart und Voerman am Anstieg von Berdorf vorübergehend in Schwierigkeiten, bevor sie wieder an die Spitze des Rennens zurückkehren konnten.
Mit einer Minute und dreißig Sekunden Vorsprung auf ihre nächsten Verfolger, einer Gruppe von etwa zehn Fahrern mit unter anderem Pol Breser, Noé Ury, Max Valtey sowie Niels Merckx und Anthony Spiesschaert, zwei Stammgäste der La Charly Gaul, blieben die acht Spitzenreiter anschließend zusammen. Trotz Angriffen von beiden Seiten und taktischen Manövern bauten sie ihren Vorsprung nach und nach aus: 2 Minuten bei Berbourg, dann 3 Minuten im Sauertal in Richtung Ziellinie in Echternach. Die Entscheidung fiel also im Sprint, einem umstrittenen Sprint, bei dem selbst Kameras und Handyvideos keine klare Entscheidung zwischen Vince Mattens und Michael Apers zeigen konnten. Die beiden Fahrer wurden daher ex aequo auf dem ersten Platz gewertet, mit einer Radlänge Vorsprung auf Mil Morang, dem dritten Mann auf dem Podium, und Loïc Bettendorff.
Auch beim Rennen der Damen war ein bekannter Name am Start: die ehemalige Europameisterin im Zeitfahren Hannah Ludwig, Mitglied des Teams Cofidis, war die erste Dame am Anstieg in Berdorf, kurz nach dem Start. Sie lag gut postionniert im esten Feld der Jungs und hatte bereits mehr als zwanzig Sekunden Vorsprung vor der Niederländerin Ellen Van Doorn. Wahrscheinlich aufgrund eines Irrtums geriet die Deutsche später zwischen die Teilnehmer der kürzeren Strecke und konnte das Rennen deshalb nicht regelgerecht beenden. Hinter Ludwig und Van Doorn lagen Deborah Veerman und Hanne Van Loock zu Beginn sehr gut im Rennen, ebenso wie etwas weiter zurück die Luxemburgerin Gwen Nothum und die dreifache Siegerin des Rennens, Ils Van der Moeren, welche alle weniger als eine Minute Rückstand auf die Spitzenreiterinnen hatten. Wieder zurück in Berdorf von der großen Runde, nach gut hundert Kilometern, hatte sich Deborah Veerman fest an der Spitze des Frauenrennens etabliert: mit nur etwa zehn Minuten Rückstand auf Vince Mattens an der Spitez der Männer hatte die Niederländerin nicht weniger als 7 Minuten Vorsprung auf ein prestigeträchtiges Trio, bestehend aus der Meisterin der Provinz Vlaams-Brabant, Hanne Van Loock, der ehemaligen Juniorenmeisterin von Luxemburg, Gwen Nothum, und der ehemaligen Gran Fondo Weltmeisterin Ils Van der Moeren.
Einige Kilometer weiter, an der letzten Verpflegungsstation, betrug der Abstand bereits fast zehn Minuten, und Veerman, Fahrerin des Kontinentalteams Velopro-Alphamotorhomes, die in diesem Jahr unter anderem die tschechischen Etappenrennen Gracia Orlova und Tour Féminin bestritten hatte, hatte das Rennen praktisch schon gewonnen. Sie musste nur noch einen letzten Anstieg bewältigen und dann entlang des Sauer-Tals sicher in der dritten Männergruppe im Rennen die Ziellinie erreichen. Mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von über 37 km/h gewann Deborah Veerman die große Charly Gaul bei den Frauen und belegte mit nur 16 Minuten Rückstand auf das Siegerduo der Männer den 84. Platz in der Gesamtwertung. Gut zehn Minuten später kämpften Van Loock, Nothum und Van der Moeren im Sprint um die Podiumsplätze, wobei Van der Moeren sich hinter ihren jüngeren Konkurrentinnen mit der Holzmedaille in der Gesamtwertung und dem Sieg in der Kategorie C der erfahrenen Fahrerinnen begnügen musste. Eine Erwähnung verdienen auch die Luxemburgerin Isabelle Hoffmann, die unter den Top 10 des Rennens landete, und Ingird Haast, ehemalige zweifache Gewinnerin, die ihr x-tes Charly Gaul-Rennen mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von fast 30 km/h zu Ende fahren konnte.
LA CHARLY GAUL B (99 km)
Sven Schmit und Philippe Sunnen haben den besten Start bei der „kleinen“ Charly Gaul hingelegt und fuhren den besten Konkurrenten auf der langen Strecke dicht auf den Fersen. In Berdorf, nach der ersten Steigung, lag Thomas Deruette nur wenige Sekunden hinter dem Duo, ebenso wie Rafael Marques, Peter Sina, Kuno Schulte, Mathias Petry, Oscar Franssen, Paulo Valente, Florain Gerard, Martin Haas und Jeff Mathay. Vorjahressieger Cyril Gustin hingegen hatte keinen guten Start erwischt und befand sich am Ende der ersten Gruppe, die er oben am Anstieg gerade noch erwischen konnte, mit bereits zwanzig Sekunden Rückstand auf die Führenden. Er stürzte sich in die Abfahrt und musste in den nächsten Kilometern Energie vergeuden, um sich in dieser imposanten Gruppe von 200 Fahrern wieder vorne zu positionieren. Nach der Trennung der Distanzen zu Beginn des Anstiegs von Broderbour waren noch knapp hundert Fahrer auf der kleinen Strecke zusammen, aber Broderbour und die Côte de Savelborn sollten die Spreu vom Weizen trennen.
Zwei Fahrer gingen zum Angriff über und standen für eine Weile im Mittelpunkt. Die beiden ehemaligen Kontinentalprofis Florian Gérard und Thomas Deruette, unter anderem Sieger eines Grand-Prix OST-Fenster, verschafften sich einen kleinen Vorsprung vor etwa dreißig Verfolgern. Nach fünfzig Kilometern, beim zweiten Anstieg nach Berdorf, hatten die beiden Fahrer jedoch nur noch hundert Meter Vorsprung auf eine Gruppe von etwa fünfzehn Fahrern, angeführt vom Luxemburger Nic Zeimet vor Evan Baris und Philippe Sunnen. Cyril Gustin, der etwas zurückgefallen war, kämpfte zusammen mit Peter Sina und Anthony Dovifat darum, wieder aufzuholen. Im Gegensatz zu den beiden anderen schaffte Dovifat den Anschluss an die Spitze jedoch nicht mehr, genauso wie Jules Pairoux, der knapp dahinter fuhr. Weiter zurück lag die zweite Gruppe mit etwa zehn Fahrern, darunter Kuno Schulte, Gil Feller, Sandro Dostert, Oscar Franssen, Loris Arnould, Johannes Schnorbach, Pierre Goffinet und Jonathan Schouppe, die zur Hälfte des Rennens eine gute Minute Rückstand auf die Spitze aufzuseisen hatte.
Die beiden Männer an der Spitze kämpften noch einige Kilometer lang tapfer weiter, wurden aber rund 40 Kilometer vor dem Ziel eingeholt. Vincent Renson und Carlos Calvo mussten später locker lassen, sodass sich 24 Fahrer beim letzten Anstieg in Osweiler an der Spitze des Rennens befanden und sich nicht mehr voneinander trennen konnten. In der Abfahrt in Richtung Sauertal setzten sich zwar 7 Fahrer noch einmal ab, sie wurden aber etwas später auf flachem Terrain in Richtung Ziellinie wieder eingeholt. Wie im letzten Jahr musste der Sieg also im Sprint entschieden werden, und wie im letzten Jahr setzte sich Cyril Gustin klar durch, vor Kleden Grosset und Martin Haas. Nic Zeimet landete als Vierter und erster Luxemburger knapp neben dem Podium.
Im Rennen der Damen hatte Vorjahressiegerin Elisa Kockelmann mit Abstand den besten Start erwischt. Knapp hinter der ersten Männergruppe lag sie nur etwa 30 Sekunden hinter der Spitze und hatte nach vier Kilometern bereits eine Minute Vorsprung auf Tanja De Rond und June Nothum. Es folgten Jolien Vleugels, Camen Burmeister und Melanie Boeur mit zwei Minuten Rückstand, dann einige Sekunden später Noa Holleman, Joy Ledeck, Martine Hoffmann, Anna Reiff und Victoria Baumgarten. In der Folge gelang es Elisa Kockelmann jedoch nicht, die Führung in ihrer Kategorie zu halten und sie wurde etwas weiter vorne von Tanja De Rond überholt.
Die ehemalige Basketball-Nationalspielerin, die 2024 bei La Charly Gaul bereits den vierten Platz belegt hatte, schaffte es, sich einer großen Gruppe von mehr als zwanzig Männern anzuschließen und sie lag zur Hälfte des Rennens weniger als zehn Minuten hinter dem Führenden in der Gesamtwertung. Die Luxemburgerin hatte zu diesem Zeitpunkt bereits mehr als fünf Minuten Vorsprung auf drei Mädchen, Elisa Kockelmann, Anna Reiff und Carmen Burmeister, die sich zudem in einer etwas kleineren Gruppe befanden. Unter diesen Umständen war es für die drei schwierig, wieder Zeit aufzuholen. Jolien Vleugels folgte eine weitere Minute später, während June Nothum mit einem Rückstand von 8 Minuten alleine kämpfen musste und bald von dem Trio Victoria Baumgarten, Noa Holleman und Joy Ledeck eingeholt wurde.
Tanja de Rond gewann schließlich das Frauenrennen der La Charly Gaul B und belegte mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 37 km/h den 105. Platz in der Gesamtwertung. Sie lag nur gut zwölf Minuten hinter dem Sieger bei den Männern, aber fast sechs Minuten vor Vorjahressiegerin Elisa Kockelmann und der anderen Luxemburgerin Anna Reiff auf den Plätzen Zwei und Drei. Die beste Fahrerin in der Kategorie C der etwas erfahreneren Mädchen war die Deutsche Carmen Burmeister, die den vierten Platz belegte, während June Nothum mit einem Rückstand von 16 Minuten auf De Rond als beste Nachwuchsfahrerin den 10. Platz erreichte.